Die lange Suche nach dem Brecher: Mehr denn je braucht Hertha BSC einen verlässlichen Mittelstürmer

Stefan Leitl hat beim Torschusstraining zu Beginn dieser Woche zu einem Mittel gegriffen, das der Torerzielung durchaus zuträglich war. Nur lässt sich dieses Mittel leider nicht so ohne weiteres vom Training auf das anstehende Spiel bei der SV Elversberg an diesem Sonntag (13.30 Uhr, live bei Sky) übertragen.

Leitl, der neue Trainer von Hertha BSC, ließ die verteidigende Mannschaft ohne Torhüter spielen. Zwei Feldspieler sollten sich auf die Linie zurückfallen lassen und – ohne Einsatz ihrer Hände versteht sich – die Schüsse des angreifenden Teams irgendwie abwehren.

An Toren mangelte es bei dieser Übung nicht, und auch nicht am Spaß. In den Spielen des Berliner Fußball-Zweitligisten war das zuletzt nicht immer so. In den jüngsten vier Begegnungen hat Hertha nur einen einzigen Treffer erzielt und einen einzigen Punkt geholt.

Die Defizite im Offensivspiel begleiten die Mannschaft seit geraumer Zeit. Daran hat auch der Trainerwechsel von Cristian Fiél zu Stefan Leitl noch nichts Grundlegendes geändert. Anfang dieser Woche im Training klang Leitls Co-Trainer Patrick Ebert fast schon flehentlich, als er die Spieler ermahnte: „Kommt, Männer! Mehr Tore! Schärfe rein! Schärfe rein!“

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So könnte Hertha in Elversberg spielen

Ernst – Kenny, Gechter, M. Dardai, Zeefuik – Karbownik, Klemens, Maza – Scherhant, Niederlechner, Reese.

Vor einer Woche hat Leitl seine Mannschaft erstmals bei einem Spiel angeleitet. Fortschritte waren bei seinem Debüt gegen den 1. FC Nürnberg (0:0) bereits zu erkennen. Doch sie betrafen vor allem die Defensive. Anders als noch unter Fiél ließen die Berliner kaum Chancen für den Gegner zu.

31
Flanken schlug Hertha gegen Nürnberg – so viele wie noch nie in dieser Saison

Unter dem neuen Trainer verteidigt Hertha offensiver nach vorne. Die Mannschaft attackiert den Gegner früh, was in der Theorie zu höheren Ballgewinnen führt und den Weg zum gegnerischen Tor verkürzt. Intensität ist für Leitl der Schlüssel zum Erfolg.

Wir waren viel vor der Kiste. Alle haben getroffen, alle hatten viel Spaß.

Herthas Trainer Stefan Leitl über das Training mit den Stürmern

Gegen Nürnberg sprinteten Deyovaisio Zeefuik und Fabian Reese je 38-Mal. Ein Wert, der in der gesamten Saison erst einmal übertroffen wurde: von Michael Cuisance (39 Sprints) gegen Schalke 04. Bei Leitls Debüt waren es insgesamt vier Spieler mit mehr als 30 Sprints – das ist neuer Bestwert. An zehn Spieltagen dieser Saison ist die 30er-Marke von Herthas Spielern überhaupt nicht übertroffen worden.

Unter Leitl soll es möglichst schnell zur Sache gehen, auch beim Torabschluss. Heißt: An der Genauigkeit hapert es manchmal. Umso wichtiger wäre ein verlässlicher Abschlussspieler im Angriff, ein echter Mittelstürmer, der auch Vorlagen verarbeiten kann, die vielleicht nicht millimetergenau kommen. Diese Qualität wird auch am Sonntag gegen die Spielvereinigung gefragt sein, die in den jüngsten drei Ligaspielen kein einziges Gegentor kassiert hat.

Leitl war zufrieden mit Niederlechner

Nach seinem Debüt hat Leitl kundgetan, dass er unbedingt einen richtigen Mittelstürmer auf dem Feld haben wollte. Deshalb versetzte er Derry Scherhant auf die rechte Außenbahn. Den Platz im Zentrum übernahm Florian Niederlechner.

Niederlechner selbst sieht sich eigentlich als zweite Spitze hinter einem richtigen Brecher besser aufgehoben. Trotzdem war Leitl mit dem Auftritt des Routiniers mehr als einverstanden. Er habe das umgesetzt, was man ihm aufgetragen habe und immerhin drei Abschlüsse gehabt. Einen vierten, den möglicherweise entscheidenden, verpasste Niederlechner nur um eine Fußspitze.

Der Prototyp eines Mittelstürmers ist der 34-Jährige trotzdem nicht. Auf genau den aber ist Leitls Spiel angelegt. Bei Hannover 96, seiner vorherigen Trainerstation, bot er oft sogar zwei Mittelstürmer auf. Bei Hertha ist das im Moment keine Option.

Vorige Woche schlug Hertha 31 Flanken in den Nürnberger Strafraum, so viele wie noch nie in dieser Saison – und fast doppelt so viele wie unter Fiél (im Schnitt 16,2 pro Spiel). Doch es fehlte der Abnehmer in der Mitte.

Von seinen Anlagen her wäre Luca Schuler dafür prädestiniert. Er ist groß und kopfballstark. Aber seine Zeit bei Hertha stand bisher unter keinem guten Stern. Erst drei Tore hat Schuler erzielt, und seit Anfang Oktober stand er nur einmal in der Startelf. Ihm fehle ein Quäntchen, hatte Cristian Fiél kurz vor dem Ende seiner Amtszeit über den Neuzugang gesagt, der eigentlich auserkoren war, Haris Tabakovic zu ersetzen.

Vielleicht ist der Trainerwechsel ein neuer Anfang. Für Luca Schuler, aber auch für Smail Prevljak, den dritten Kandidaten für die Position im Sturm. Im Training in dieser Woche hat Leitl viele Übungen mit Wiederholungen und vielen Abschlüssen angesetzt. „Wir waren viel vor der Kiste“, sagte er. „Alle haben getroffen, alle hatten viel Spaß.“

Einmal traf Luca Schuler mit einem Schuss die Unterkante der Latte. Es schepperte gewaltig. Der Ball sprang von dort auf die Line und anschließend ins Netz. Von den Zuschauern am Trainingsplatz gab es Szenenapplaus.