„Zeigt Israel die Rote Karte“: Die Spaltung der Fußball-Ultras beim Nahostkonflikt

„Zeigt Israel die Rote Karte“. Diese Forderung war kürzlich auf dem Banner von Mitgliedern einer Ultragruppierung des Fußball-Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena zu lesen. Mit Pyrotechnik und einer Palästina-Flagge posierten Fans auf einem Foto vor dem Ernst-Abbe-Sportfeld.

Ursprünglich stammt die Forderung von der Ultragruppe „Green Brigade“ des schottischen Fußballvereins Celtic Glasgow. Beim Play-off-Hinspiel gegen den FC Bayern München in der Champions League hatten Ultras ein Banner mit dem Spruch ausgerollt und dazu etliche Rote Karten hochgehalten.

Auf Instagram forderten sie den Weltverband Fifa und den europäischen Fußballverband Uefa dazu auf, Israel von sämtlichen Wettbewerben auszuschließen. Auch Fangruppen in Frankreich und Marokko stellen diese Boykott-Forderung.

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„Die Green Brigade hat Fans und Ultragruppen schon vor einiger Zeit dazu aufgerufen, sich zu positionieren“, erklärt Felix Tamsut. Er ist Journalist und befasst sich seit vielen Jahren mit Fankulturen.

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„Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Banner bei Celtic Glasgow und dem Banner bei Jena: Die Green Brigdade hat das Wort Israel in Anführungszeichen gesetzt und mit Blutzeichen unterlegt. Dahinter stehen antisemitische Stereotypen.“

Dass sie gemeinsame Sache mit denen machen, ist problematischer als das Banner an sich.

Felix Tamsut

Die Green Brigade steht seit dem 7. Oktober bezüglich ihrer Positionierung im Nahostkonflikt in der Kritik. Nur wenige Stunden nach dem Terrorangriff der Hamas hielten Fans im Stadion ein Plakat mit der Aufschrift „Befreit Palästina – Sieg dem Widerstand“. Auch Flaggen der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) waren schon zu sehen. Die Organisation wird in Europa – ebenso wie die Hamas – als Terrororganisation eingestuft.

Felix Tamsut kritisiert, dass die Jena-Ultras sich mit ihrem Banner auf die Green Brigade beziehen. „Dass sie gemeinsame Sache mit denen machen, ist problematischer als das Banner an sich“, sagt Tamsut.

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Er teilte ein Foto der Aktion auf seinem Instagram-Account, woraufhin einige User sie in der Kommentarspalte als „beschämend“ bezeichneten und von einem „massiven Antisemitismusproblem“ sprachen. Andere nannten es einen „absolut richtigen Schritt“ und posteten Palästina-Flaggen.

„Die Reaktionen zeigen gut, welche Spaltung es bei dem Thema innerhalb der linksgerichteten Ultra-Fanszene in Deutschland gibt“, sagt Tamsut. „Die einen reagieren unterstützend, die anderen kritisieren es scharf. Beide Seiten stehen sich radikal gegenüber, es gibt wenig Mitte in dieser Debatte.“

Tamsut ist Jude und gebürtiger Israeli. Er wuchs in der Stadt Ashdod im Süden Israels auf und lebt heute in Köln. Er kritisiert die deutsche Debatte zum Nahost-Konflikt. „Entweder ist man Pro-Israel oder Pro-Palästina. Es gibt wenig Grauzonen.“

Tamsut wünscht sich eine „menschliche Sicht“

Tamsut findet es jedoch wichtig, sowohl Solidarität mit den Geiseln der Hamas und deren Angehörigen auszudrücken als auch mit der Zivilbevölkerung in Gaza. „Man sollte das Ganze weniger dogmatisch sehen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es eine menschliche Sicht gibt.

Die Bevölkerung in Gaza ist von einer Massenvertreibung bedroht. Man muss aber auch die Ängste auf israelischer Seite verstehen. Es braucht eine Art Gleichzeitigkeit. Das ist eine große Herausforderung – für die Gesellschaft und die linskgerichtete Ultraszene.“

Im fußballerischen Kontext nennt Tamsut ein Beispiel, bei dem es gelungen sei, ebenjene Gleichzeitigkeit zum Ausdruck zu bringen. „Die Fans von Altona 93, in der Oberliga, haben nach dem 7. Oktober eine Fahne hochgehalten, mit zwei Botschaften: Gegen jeden Antisemitismus. Gegen jede Entmenschlichung. Das fand ich sehr gut.“

In der Ersten und Zweiten Liga bekundeten überdies zahlreiche Gruppierungen Solidarität mit den Geiseln. So etwa Fans von Werder Bremen, die an den israelischen Fan Hersh Goldberg-Polin erinnerten, der von der Hamas verschleppt und getötet wurde.

Auch Anhänger des FC St. Pauli, die eine Fanfreundschaft mit Hapoel Tel Aviv pflegen, riefen Aktionen ins Leben. „Hersh war selbst Ultra, jetzt ist er überall im deutschen Fußball bekannt“, sagt Tamsut, der an einigen Aktionen seines Vereins 1. FC Köln beteiligt war.

Hersh habe „sich nichts außer ein friedliches Zusammenleben aller Menschen - gerade im Nahen Osten und Jerusalem - gewünscht“, schrieb Werder Bremen, nachdem bekannt geworden war, dass Hersh von der Hamas getötet wurde. Sein Andenken wird im Fußball präsent bleiben.