„Meine Wärmepumpe ist besser als deine“: Können Technik-Dads den Klimaschutz retten?

Eigentlich wollte Egbert Mill Erdwärme nutzen. „Das wäre am effektivsten gewesen“, sagt er am Telefon. Doch schon beim ersten Durchrechnen wurde klar: Das wird zu teuer und zu aufwändig. Und so heizt der 67-Jährige sein 120-Quadratmeter-Haus im brandenburgischen Lieberose seit dem vergangenen Jahr mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe.

Rechnen ist eine von Mills großen Leidenschaften. Basteln mit Technik ist eine weitere. Und reden tut der pensionierte Postbote auch gern über das, was ihn begeistert. Mit Nachbarn, mit Bekannten, mit Freunden.

Ältere Männer und die Freude am Ausprobieren

Wenn es um Klimaschutz geht, haben Männer aus Mills Generation keinen besonders guten Ruf. Umfragen legen nahe, dass Männer mehr Auto fahren, mehr Fleisch essen und sich weniger für Umweltschutz interessieren als Frauen. Die älteren Männer in der Tendenz stärker als die jüngeren. Für ein Umdenken und Umsteuern in der Klimapolitik wären aber beide Geschlechter und alle Altersgruppen notwendig.

Meine Triebfeder ist das Tüfteln und der Spaß am Rechnen.

Egbert Mill, Wärmepumpenbesitzer aus Lieberose

Doch gleichzeitig schlummert in Männern wie Mill großes Potenzial, wenn es um die Energiewende geht. Ihr Zugang zum Klimaschutz geht nämlich häufig einher mit der Begeisterung für neue Technologien.

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Das Meinungsforschungsinstitut Yougov fand beispielsweise 2022 heraus, dass Männer überdurchschnittlich oft E-Autos kaufen (62 Prozent). Elektro-SUVs von Tesla, Skoda oder VW waren laut Kraftfahrtbundesamt 2024 die beliebtesten hierzulande – groß, familientauglich und mit einer Beschleunigung, die sich früher nur Porschefahrer vorstellen konnten.

Auf dem Hof von Egbert Mill in Lieberose laden inzwischen drei E-Autos an der Wallbox, die Mill selbst montiert hat – „ein super Ding, nicht so ein Standardteil, das man sonst eingebaut bekommt“. Den Strom dafür und für den gesamten Resthaushalt produziert größtenteils die 16,5-Kilowatt-Peak-Solaranlage auf dem Dach eines Nebengebäudes. Das Heizen übernimmt die erwähnte 16-Kilowatt-Wärmepumpe. „Alle Vorarbeiten dafür habe ich gemeinsam mit meinem Sohn gemacht“, sagt er in breitem brandenburgischen Dialekt.

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Mills stärkstes Motiv: die Freude am Ausprobieren. „Natürlich denke ich auch umweltbewusst, aber meine eigentliche Triebfeder ist das Tüfteln und der Spaß am Rechnen.“ Als Grüner lässt er sich deshalb nicht gern bezeichnen. „Ich bin nicht Habecks bester Freund“, sagt Mill.

Burkhard, Günni und der Akkudoktor

Häufig sind es die Männer, die mit Geschichten über Wärmepumpen und Solaranlagen, Wasserspeicher und Wallboxen in den öffentlichen Diskurs gehen. In Foren tauschen Burkhards, Franks, Günnis und Maxe ihr Wissen über Wärmepumpen aus. Ist die Badewanne zu groß für den Warmwasserspeicher oder der Speicher insgesamt zu klein gewählt? Welches Kältemittel eignet sich für welche Wärmepumpe? Antworten leiten sie gern ein mit Worten wie: „Do-It-Yourself kann ich nur begrüßen“.

Häufig sind es die Männer, die mit Geschichten über Wärmepumpen (hier im Bild) und Solaranlagen, Wasserspeicher und Wallboxen in den öffentlichen Diskurs gehen.

© Getty Images

Bei Youtube schauen bis zu 380.000 Abonnenten dem „Akkudoktor“ dabei zu, wie er sich ein E-Bike selbst baut, darüber referiert, wie man sein Haus mit Klimaanlagen heizen kann, oder erklärt, warum er seinen Tesla verkauft hat (Spoiler: nicht wegen Elon Musks guten Beziehungen zu Donald Trump). Im wahren Leben ist der Akkudoktor Maschinenbauer und beschäftigt sich beruflich mit Künstlicher Intelligenz.

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Die männliche Technikbegeisterung als Hebel ist auch den politisch Verantwortlichen nicht entgangen. Sie nutzen sie für die Öffentlichkeitsarbeit. „Wenn eine Wärmepumpe bei mir funktioniert, dann kommt sie mit Sicherheit auch für viele andere infrage“, zitiert die „Frankenpost“ Heiko Röder, als die Deutsche Energie-Agentur Dena den Mann vor seinem Haus in Kulmbach im Oktober vergangenen Jahres ablichten lässt. Dass Röder das Haus gemeinsam mit seiner Frau bewohnt, erfahren Lesende in einem Halbsatz.

Wenn Männer den Nachbarn die Wärmepumpe erklären

Röder und seine Wärmepumpe sind Testimonials für die „Woche der Wärmepumpe“, die die bundeseigene Agentur im vergangenen Herbst bundesweit veranstaltet hat. Das Ziel: die Wärmewende populär machen; zeigen, dass die Wärmepumpe funktioniert; dass das sogenannte Heizungsgesetz des grünen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck doch kein Teufelszeug ist, mit dem der Staat den Deutschen in ihren Heizungskeller hineinregiert.

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Auch Infoveranstaltungen ganz nah am Volk sind Teil der Wärmepumpenwoche. Der Exceltabellen-Heizer, der pragmatische Familienvater, der Ökonomische mit Mehrfamilienhaus – die Art und Weise, wie Moderator „Deindad“ auf seinem Youtube-Kanal seine Gesprächspartner in einer Podiumsdiskussion einführt, soll das Publikum beim „Nachbarschaftstalk“ der Energieagentur Kreis Konstanz abholen. Es fallen Sätze wie „Sie sind der mit der Fußbodenheizung“ und unter dem Namen der Diskutanten prangt der Modellname ihrer jeweiligen Wärmepumpe auf der Bauchbinde: „Dingler Solartechnik WP“ oder „Viessmann Vitocal 200-S“ beispielsweise.

193.000
Wärmepumpen wurden 2024 verkauft

Ko-Sponsoren solcher Veranstaltungen sind die Handwerkskammern oder die Kreishandwerkerschaften. Sie können sie gut gebrauchen. Die Verunsicherung der Hausbesitzer in Folge der öffentlichen Debatte um das Gebäudeenergiegesetz, wie das „Heizungsgesetz“ eigentlich heißt, ist noch immer groß. Muss ich meine Heizung austauschen? Darf es noch mal eine Gasheizung sein? Wie verhält es sich mit der kommunalen Wärmeplanung?

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Nach der vollmundigen Ankündigung von Wirtschaftsminister Habeck, künftig möglichst 500.000 Wärmepumpen jährlich in die deutschen Heizungskeller zu bringen, hatten Hersteller und Handwerksbetriebe in den vergangenen Jahren Produktion und Geschäftsmodelle entsprechend ausgerichtet: mehr Wärmepumpen und Solarthermie, weniger Gas und quasi gar kein Öl.

Doch nach anfänglichem Boom brachen die Verkaufszahlen ein. Rund 193.000 Wärmepumpen setzten die Hersteller nach Angaben des Wärmepumpenverbands BWP im vergangenen Jahr ab. Im Rekordjahr 2023 waren es beinah doppelt so viele gewesen.

Neben dem negativen Image tut der Preis sein Übriges. Laut einer Untersuchung von Octopus Energy – einem Stromversorger und Wärmepumpenanbieter – und der RWTH Aachen müssen deutsche Käuferinnen und Käufer zum Teil doppelt so viel für eine vergleichbare Wärmepumpe zahlen wie in Großbritannien. So koste eine 8-Kilowatt-Wärmepumpe hierzulande inklusive Einbau rund 28.000 Euro, auf den britischen Inseln hingegen umgerechnet 14.000 Euro.

Ein Alleinverdiener kann so eine Investition nicht stemmen.

Egbert Mill, Wärmepumpenbesitzer aus Lieberose

Als Gründe nennt die Studie unter anderem höhere Anforderungen an Effizienz und Schallschutz. Branchenexperten sehen zudem höhere Arbeitskosten und höhere bürokratische Hürden wie Abstandsregeln zum nächsten Nachbarn als Faktoren, die den Einbau von Wärmepumpen in Deutschland im internationalen Vergleich teuer machten.

Statt viel Heizöl muss er jetzt wenig Strom kaufen

Kritiker monieren darüber hinaus, dass die teils sehr hohe staatliche Förderung sinkende Preise verhindere. Bei Kauf und Einbau einer Wärmepumpe schießt der Staat derzeit bei Gesamtkosten bis 30.000 Euro noch bis zu 70 Prozent über die staatliche Förderbank KfW zu.

Und auch, wenn die Erwartungen von Industrie und Handwerk für das laufende Jahr sich aufgehellt haben – von den anvisierten 500.000 Wärmepumpen ist die Branche weit entfernt. Nach Ansicht von Egbert Mill wiegt das Kostenargument mindestens so schwer wie die Skepsis gegenüber neuen Technologien.

Gewusst, wann: Falls etwas zu waschen ist, legt Mills Frau ihm eine Karte hin, bevor sie zur Arbeit geht. Er bestimmt dann den günstigsten Zeitpunkt.

© Egbert Mill

Eine Wärmepumpe sei für viele Menschen schlicht zu teuer – selbst mit staatlicher Finanzspritze. Auch er hat mit spitzem Stift gerechnet. Seine alte Heizung war 23 Jahre alt und brauchte 3000 Liter Öl im Jahr. „Die funktionierte noch einwandfrei“, sagt er mit ein bisschen Wehmut in der Stimme. Doch dann überwiegt der Stolz. „Für den Preis vom Öl kann ich auch 10.000 Kilowattstunden Strom zum Heizen kaufen“, sagt er. Müsse er dank seines selbstproduzierten Sonnenstroms – den er natürlich einer App jederzeit messen kann – aber gar nicht. „Da brauche ich gerade mal die Hälfte zuzukaufen!“ So werde die Wärmepumpe zu einer Investition in die Zukunft, die sich schon bald amortisiert habe.

Gerade junge Leute könnten sich das jedoch nicht ohne weiteres leisten. Sein alleinstehender Sohn zum Beispiel, der mit im Haus wohnt und es irgendwann übernehmen soll. „Ein Alleinverdiener kann so eine Investition nicht stemmen“, sagt Mill. „Das geht nur, wenn alle zusammenlegen – und selbst mit anpacken.“

Seine Begeisterung für neue Technologien hat den Bastler inzwischen auch zum Hausmann werden lassen, wie er sagt. Wenn seine Frau morgens zur Arbeit geht, legt sie Mill Kärtchen auf den Frühstückstisch. Damit er weiß, ob er Spül- oder Waschmaschine laufen lassen soll. Den Zeitpunkt bestimmt er selbst: wenn die Sonne am höchsten und der Strompreis am niedrigsten ist.

Lesermeinungen zum Artikel

„Eine weitestgehende Autarkie bei der Energieversorgung ist in diesen geopolitisch sehr unruhigen Zeiten ein Schlüssel zum Erhalt der Freiheit. Auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene. Lustigerweise wollen die Parteien, die sich als patriotisch bezeichnen, Deutschland am wenigsten aus der ausländischen Abhängigkeit befreien.“ Diskutieren Sie mit Community-Mitglied Urbi_et_Orbi