„Rückzug ist keine Option“: Die Grünen-Basis hält an Habeck fest

Als die Push-Nachricht am Montagvormittag auf dem Handy von Konstantin Kugler aufploppt, ist er geschockt. „Mein erster Gedanke war, dass das nicht sein kann“, erinnert sich der 24-jährige Berliner am Telefon. In der Bundespressekonferenz hat Robert Habeck nach der verlorenen Wahl eben erklärt, dass er sich nicht mehr für ein Spitzenamt bei den Grünen bewerbe.

Kugler bewegt Habecks Rückzug so sehr, dass er kurzfristig seine Mittagspause streicht und sich an den Computer setzt. „Wir dürfen uns und du darfst dich nicht entmutigen lassen. Gerade in der aktuellen Zeit ist Rückzug und Nachgeben keine Option“, schreibt er. Und weiter: „Wir müssen gemeinsam einstehen für eine progressive, gerechte und nachhaltige Politik.“

420.000
Menschen haben die Habeck-Petition bereits unterzeichnet.

Seinen Text lädt der Geschäftsentwicklungsmanager eines Energie-Start-ups als offenen Brief auf der Plattform Campact hoch und teilt ihn im Grünen-Kreisverband Pankow, in dem er sich seit eineinhalb Jahren engagiert. „Ich habe gehofft, dass viele Menschen in Deutschland das gleiche Gefühl haben“, sagt Kugler rückblickend. Es dauert nur ein paar Stunden, dann geht seine Petition viral.

Tausende Menschen sind wegen Habeck bei den Grünen eingetreten

Minute für Minute unterschreiben mehr Menschen den Brief von Kugler. Bis Donnerstagnachmittag sind es schon über 420.000 Unterschriften. „Ich bin froh, dass ich so vielen Menschen ein Sprachrohr geben konnte“, sagt Kugler und klingt am Telefon immer noch etwas überrascht. „Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob mein Brief Robert Habeck wohl erreicht.“

Kugler ist – wie viele andere – auch wegen Robert Habeck bei den Grünen eingetreten. Seit Habeck gemeinsam mit Annalena Baerbock die Grünen anführt, hat sich die Partei mehr als verdoppelt. Von den 170.000 Mitgliedern kamen allein in den Wahlkampfmonaten von Habeck 45.000 neu hinzu.

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In der Partei führt die Petition vielen noch einmal vor Augen, wie groß das Führungsvakuum ist, das Habeck jetzt überlasst. „Nun fehlt der Partei der Republikflüsterer“, schreibt der Grünen-Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Habeck sei Gesicht, Gehirn und Mundwerk der Partei gewesen. Doch seinen Kurs habe die Partei nie richtig verinnerlicht: „Verantwortung für das große Ganze übernehmen, alle mitnehmen, statt viele zu verurteilen.“

Tatsächlich sind die Rufe nach Habeck an der Basis und in der Bevölkerung lauter als im Funktionärskader der Partei. Ein Phänomen, das so schon in der Vergangenheit häufiger zu beobachten war. Habecks Machtbasis waren nie die Gremien, sondern seine Popularität bei den Mitgliedern. Viele Abgeordnete und Funktionäre finden es dagegen richtig, dass Habeck Konsequenzen aus dem enttäuschenden Wahlergebnis gezogen habe.

Trotzdem beschäftigen sich viele Grüne damit, wie die Partei nach der Ära Habeck aussehen kann. Sein Politikansatz, gesellschaftliche Brücken zu bauen, ist bei der Bundestagswahl gescheitert. Doch abwickeln will man sein Erbe deshalb nicht, schließlich stehen die Grünen mit 11,6 Prozent immer noch deutlich besser da als in der Vergangenheit. Es gehe nun darum, die Idee der Bündnispartei in die neue, deutlich polarisiertere Zeit zu übertragen, heißt es.

Vor allem im Realo-Flügel drängen viele darauf, dass Habeck dabei weiterhin eine wichtige Rolle einnimmt. „Die Petition zeigt den großen Zuspruch zu Robert Habeck, deswegen können wir uns als Bündnisgrüne im Bundestag glücklich schätzen, dass er auch in der neuen Bundestagsfraktion sein wird“, sagt Paula Piechotta, Grünen-Abgeordnete aus Sachsen, dem Tagesspiegel.

Hoffentlich kommt er irgendwann mindestens als Minister zurück.

Petent Konstantin Kugler hofft auf ein Habeck-Comeback.

Tatsächlich hat Habeck inzwischen erklärt, dass er sein Mandat, das er über die Landesliste in Schleswig-Holstein errungen hat, antreten wolle. In einer Videobotschaft bedankte er sich am Mittwoch für die vielen Nachrichten. „Ich wollte immer ein Politiker sein, der nicht an Macht klebt“, sagt er darin. Deshalb wolle er nun keinen weiteren Posten.

„Das heißt aber nicht, dass ich jetzt aufhöre, als politischer Mensch zu existieren“, sagte Habeck und verwies auf sein Bundestagsmandat. Es gehe jetzt darum, dass sich die progressiven Kräfte in Deutschland neu aufstellten. „Die Grünen werden gebraucht“, sagte Habeck.

Das Video von Habeck hat Konstantin Kugler erleichtert: „Mit seiner Mandatsannahme hat meine Petition immerhin einen Teilerfolg erreicht.“ Indirekt habe er sogar von Habeck Grüße ausgerichtet bekommen. Für Kugler, der sich im Wahlkampf in Pankow eingebracht hat, eine Ermunterung, sich bei den Grünen weiter einzubringen.

Die Hoffnung auf das ganz große Habeck-Comeback hat er noch nicht aufgegeben: „Ich halte ihn weiterhin für den besten Kanzler“, sagt Kugler: „Hoffentlich kommt er irgendwann mindestens als Minister zurück.“