»Die Welt wird nicht besser, nur weil man gerade mal nicht hinsieht«
Als Nachrichtenredaktion liegt es in unserer Verantwortung, unsere Leserinnen und Leser über das Weltgeschehen zu informieren, relevante von belanglosen Neuigkeiten zu trennen und zwischen Wahrheit und Fake News zu unterscheiden. In Zeiten, die von Negativschlagzeilen dominiert zu sein scheinen, fällt es schwer, den Blick auf das Gute nicht aus den Augen zu verlieren. So kann es trotzdem gelingen.
Florian Pütz, Nachrichtenressort: Der Messerangriff am Holocaustmahnmal in Berlin, der Eklat zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj, die Todesfahrt von Mannheim: In den vergangenen Wochen habe ich beim SPIEGEL in mehreren Nachrichtenlagen mitgearbeitet. Krise, Zerstörung, Tod. Jeden Tag ist irgendwas. Ich kann nachvollziehen, dass vielen Menschen das zu viel ist und sie Nachrichten lieber meiden.
Für mich ist das keine Alternative. Ich möchte informiert sein, mitreden können. Ich finde es gruselig, welche Fake News zur Tat von Mannheim in den sozialen Medien kursierten. Wenn ich verlässliche Nachrichten verfolge, kann ich dem etwas entgegenhalten. Und wenn es mir zu viel wird? Dann klappe ich nach Feierabend den Laptop zu, spiele Schach oder gehe mit dem Hund spazieren. Dann geht’s wieder.
Bewusster Konsum statt gänzlichen Verzichts
Anastasia Trenkler, Nachrichtenressort: Was mir bei schlechten Nachrichten hilft, ist tatsächlich die Arbeit: verstehen, zusammenfassen, andere informieren. Natürlich ändert das nichts an der Gesamtsituation, hält negative Entwicklungen nicht auf. Doch es hilft dabei, sich selbst und dadurch auch andere aus der Überforderung zu befreien. Indem man einen Überblick verschafft, einordnet: Was bedeuten die Nachrichten? Und: Wie sind sie zu bewerten?
Einer der schlimmsten Tage war für mich in diesem Zusammenhang sicher der 24. Februar 2022. Wie alle bin ich morgens mit der Nachricht aufgewacht, dass Russland die Ukraine in einem flächendeckenden Angriffskrieg überfallen hat. Ich rief meine Familie an, schrieb Freundinnen und Freunden, die ebenso wie ich einen osteuropäischen Hintergrund haben. Danach fing ich an, Nachrichten zu machen – damals noch an der Journalistenschule in München und auf Social Media.
Marc Röhlig, Politikressort: Ich hatte eine strenge Diensthandy-Regel: Nach Feierabend ist das Ding aus, stattdessen nahm ich ein Buch zur Hand, zeichnete oder verabredete mich mit Familie und Freunden für Spieleabende. Den Feierabend gestalte ich immer noch so, aber seit dem Wahlkampf blieb leider das Diensthandy doch öfter an. Warum? Weil es doch nötig ist, hinzuhören, informiert zu bleiben. Auch: nicht mundtot zu sein.
Denn es gibt in meinem Umfeld nicht nur die News-Avoidance-Fraktion, sondern auch die, die Hoffnung machen. Ich habe Freundinnen, die demonstrieren gehen, Kumpel, die sich ehrenamtlich engagieren, Bekannte, denen die Weltlage Sorge bereitet – und die sich genau deshalb nicht vor der Weltlage verschließen wollen. Das ist für mich Motivation genug, doch auch – neben den schönen, beruhigenden Hobbys – im Nachrichtenpuls zu bleiben. Um zu sehen, zu hören. Und nicht stumm zu werden.
Yoga, Joggen, Konzerte – und einmal kräftig weinen
Abdul Rahmatullah, Nachrichtenressort: Als ich von der Todesfahrt in Mannheim erfuhr, habe ich – wahrscheinlich wie viele andere – reflexartig zuerst die sozialen Medien gecheckt. Zwischen echte Nachrichten mischten sich massenhaft Falschinformationen, wilde Spekulationen und Hass. Solche Momente zeigen, wie unverzichtbar professionelle Redaktionen sind. Sie recherchieren sauber, ordnen Fakten ein und halten Gerüchte in Schach.
Egal, wie düster die Schlagzeilen der letzten Tage, Wochen und Monate auch waren – wer sich gar nicht mehr informiert, überlässt das Weltbild anderen. Und oft sind es genau die, die am lautesten schreien.
Die Lösung liegt im bewussten Konsum: Informieren Sie sich regelmäßig, aber gezielt über seriöse Quellen. Lassen Sie sich nicht von negativen Schlagzeilen überwältigen, sondern entscheiden Sie selbst, wann und wie Sie Nachrichten konsumieren – so bewusst, wie Sie eine Serie oder einen Film auswählen. Das hilft, informiert zu bleiben, ohne sich von der Wucht der Meldungen lähmen zu lassen.
Charlotte Lüder, Nachrichtenressort: Mir fällt es oft schwer, bei der aktuellen Weltlage positiv zu bleiben. Die vielen schlechten Nachrichten sind manchmal wirklich ZU viele. Bei der Arbeit muss ich mich trotzdem immer mit ihnen beschäftigen. Einen wirklichen Feierabend zu finden und abzuschalten, klappt nicht immer. So gern ich auch einfach Handy, Laptop, Fernseher und Podcasts abschalten, die Zeitung weglegen und mich verkrümeln möchte – eine wirkliche Option ist das nicht. Zumindest nicht auf Dauer. In den Momenten, in denen ich den Weltschmerz nicht aushalte, rufe ich mir in Erinnerung, wie privilegiert ich in vielerlei Hinsicht bin. Ich könnte etliche Nachrichten ausblenden, wenn ich wollte. Andere sind die Nachricht, sie können nicht flüchten. Ihnen sind wir es schuldig, weiter informiert zu bleiben, um handeln zu können, wo sie es nicht allein können.
Das ist trotzdem verdammt schwer. Was mir hilft, ist an den Tagen, an denen ich es kann, die Nachrichten komprimiert zu konsumieren. Nicht den ganzen Tag immer wieder schauen, sondern morgens und abends. Die Pushmeldungen habe ich auf meinem privaten Handy auf ein deutsches und ein englischsprachiges Medium reduziert. Wenn ich im Urlaub bin, mache ich diese ganz aus. Mit Freundinnen und Freunden sprechen, sagen, was mich bedrückt, frustriert und wütend macht in der Welt, gibt mir ebenfalls viel Kraft. Denn den meisten von ihnen geht es ähnlich. Ich nehme mir auch bewusst Zeit für Aktivitäten, bei denen das Handy nicht dabei ist: wie etwa Yoga, Joggen oder Baden.
Und ganz ehrlich: Manchmal muss ich kräftig weinen. Das hilft. Meistens geht es mir danach besser.
Janko Tietz, Nachrichtenressort: Die erste schlimme Nachricht, an die ich mich bewusst erinnern kann, war, als die Eltern meines damals besten Freundes von der Stasi verhaftet und eingesperrt wurden. Sie waren in Opposition zum DDR-Regime, und das ließ seine Muskeln spielen. Zehn Jahre später fiel die Mauer und der Repressionsstaat war Geschichte.
Schlechte Nachrichten gibt es, seit es die Menschheit gibt. Gute aber auch. Und das in allen Lebensbereichen. Politik, Kultur, Wirtschaft. Kurz nachdem 2004 das Buch »Deutschland – Abstieg eines Superstars« erschien, legte das Land einen beispiellosen Aufschwung hin, der über Jahre anhielt. 2006 schwelgten wir im »Sommermärchen«.
Jahrzehntelang war die Filmbranche männerdominiert. Im vergangenen Jahr erreichte die Anzahl weiblicher Hauptrollen in den Top-Filmen erstmals Gleichstand mit männlichen Hauptrollen. #MeToo hat etwas bewirkt.
Durch die Coronapandemie sank die Zahl der Sportvereine auf einen Tiefstand. Der Bund stellte mit dem Programm »Restart Germany – Sport bewegt Deutschland« 25 Millionen Euro bereit, um den Breitensport zu unterstützen. Das Ehrenamt wurde gestärkt, trotz des Rückgangs verzeichnen die Sportvereine in Deutschland einen Mitgliederrekord.
Was ich sagen will: Die Entwicklungen dieser Welt sehe ich als großes Pendel, das mal in die eine Richtung ausschlägt, mal in die andere. Wenn es jetzt gerade besonders düster erscheint, tröste ich mich damit, dass es unter Garantie auch wieder heller wird. Und meist sorgen die Menschen selbst dafür. Und ja, ohne Auszeiten abseits der News wäre es aktuell wohl kaum zu ertragen. Also ab in die Berge, aufs Motorrad, in Konzerte!
»Ich finde diesen Gedanken sehr tröstlich und ermutigend«
Sebastian Stoll, Nachrichtenressort: Ich halte es für wichtig, die Nachrichten und die Weltlage zu kennen, weil man nur so ins Handeln kommen kann. Natürlich – auch ich würde mir wünschen, dass wir öfter über erfreulichere Dinge berichten, als wir es im Moment meistens tun. Aber die Welt wird ja nicht besser, nur weil man gerade mal nicht hinsieht. Im Gegenteil: Sie kann nur besser werden, wenn man darüber informiert ist, was passiert.
Ich finde diesen Gedanken sehr tröstlich und ermutigend: mich als Teil einer informierten Öffentlichkeit zu begreifen, die über genügend Wissen verfügt, viele kleine Dinge zu verändern – und am Ende dadurch auch die großen. Und dazu gehört es eben, auch vor unangenehmen, ja schlimmen Nachrichten die Augen nicht zu verschließen. Denn die sind nicht das Ende, sondern nur Teil eines Prozesses.
Birte Bredow, Deutschlandressort: Ab und zu mal keine Lust auf Nachrichten zu haben, ein Wochenende lang das Handy weglegen: kein Problem – beziehungsweise sogar eine gute Idee! Mal abschalten, ohne zwischendurch von Kriegs- oder Anschlags-Pushnachrichten gestört zu werden, hilft mir, den Kopf freizubekommen und mich auf das Schöne (etwa die Landschaft beim Wandern) zu konzentrieren – und mich dann auch wieder mit den News beschäftigen zu können, ohne in Negativität zu versinken. Dauerhaft die Augen vor dem, was auf der Welt passiert, zu verschließen: eine schlechte Idee. Denn wenn man nicht informiert bleibt, besteht das Risiko, von Ereignissen überrumpelt zu werden. Entwicklungen stoppen nicht, nur weil man die Augen vor ihnen verschließt.
Mein Tipp: Finden Sie die Form, die für Sie passt: Der eine liest gern öfter kürzer Nachrichten, der andere eher das zusammenfassende Stück, die nächste hört lieber einen Podcast oder schaut ganz klassisch die Tagesschau. Natürlich kann man diese Formen auch sehr gut mischen – je nachdem, wie sehr einen ein Thema interessiert oder wie viel Zeit man gerade hat.
Mensch ärgere dich nicht
Evelin Ruhnow, Nachrichtenressort: Ich werde mich wohl immer an den Augenblick erinnern, in dem die Nachricht über meinen Bildschirm geflimmert ist – rot, in Großbuchstaben: MAGDEBURG: AUTO FÄHRT IN MENSCHENMENGE AUF WEIHNACHTSMARKT. Oder daran, wie die Agenturen den Tod von Alexej Nawalny verkündeten. Es sind Momente, die zutiefst betroffen machen, in denen die Zeit buchstäblich stillsteht.
Diese Momente erleben wir seit einiger Zeit mit zunehmender Häufigkeit. Was mir dabei hilft, mich ihnen jeden Tag aufs Neue zu stellen, ist das Wissen, dass ich mit Betroffenheit, Ratlosigkeit und Zorn nicht allein bin. Ich teile die Gefühle mit meiner Familie, mit Freunden und Arbeitskolleginnen. Gemeinsam ist es möglich, die negativen Schlagzeilen – und Emotionen – hinter sich zu lassen und in etwas Positives umzuwandeln: in Handeln, Humor und neue Zuversicht. Und wenn ich trotzdem mal eine Pause vom Nachrichten-Wahnsinn brauche? Dann holen mich meine Kinder zurück ins Hier und Jetzt. Bei einer Runde »Mensch ärgere dich nicht« ist das Gepolter auf der anderen Seite des Atlantiks plötzlich herrlich weit weg.
Roger Schneider, Nachrichtenressort: Als Teenager hatte ich mir manchmal gewünscht, in politisch spannenderen Zeiten zu leben. Lange kannte ich nichts anderes als behäbige GroKo-Bundespolitik und ein friedliches Europa. Jetzt stelle ich fest: Sich in einer Zeitenwende wiederzufinden, ist gar nicht so cool – und vor allem überfordernd. Wenn ich mich derzeit dem Schlagzeilen-Dauerfeuer aussetze, fühle ich mich schnell hilflos. Stattdessen lieber ahnungslos zu bleiben, sollte aber nicht der Ausweg sein.
Meiner Erfahrung nach kann es dem eigenen mentalen Wohlergehen aber guttun, ein paar kleine Regeln beim Nachrichtenkonsum zu setzen: zum Beispiel eine Newsroutine. Sich zu bestimmten Tageszeiten einen fundierten Überblick über die Nachrichtenlage zu verschaffen, statt durchgehend den aktuellen Meldungen hinterherzulesen. Auch kann es helfen, die Nachrichtenkanäle bewusster auszuwählen. Die Algorithmen von TikTok, Instagram und Co. schütten ihre Nutzer zum Teil mit dramatisierten Posts und emotionalisierten Kommentaren zu. Um sich diesem Strudel zu entziehen, aber trotzdem informiert zu bleiben, können die analogen Medien eine gute Alternative bieten.
»Es ist ein Privileg, Nachrichten aktiv zu vermeiden«
Felix Kessler, Politikressort: Ich will nicht lügen: Natürlich bin ich mit der Zeit abgestumpft. Man kann nicht auf jede Terrortat in Europa, jeden Amoklauf an einer US-Schule, jedes verheerende Unglück im Globalen Süden gleichermaßen emotional und betroffen reagieren, erst recht nicht, wenn man schnell und präzise darüber berichten soll. Dass es im Nachrichtengeschäft immer Schlag auf Schlag weitergeht, hilft manchmal dabei.
Wären mehr Good News die Lösung? Das finde ich nicht. Zur Kenntnis nehmen müssen wir das Leid und den Horror da draußen weiterhin, jetzt vielleicht mehr denn je. Denn wenn wir abschalten und aufhören, uns für die Weltlage zu interessieren, uns das Leben unserer Mitmenschen auch in weiter Ferne egal wird – dann kommt auch uns selbst langsam das Menschsein abhanden.
Elisa Schwarze, Nachrichtenressort: Die vielen Krisen in der Welt verleiten dazu, sich eine eigene Meinung zu bilden – eine Meinung, die nicht immer gut oder richtig sein muss. Mir hilft in diesen Zeiten, informiert zu bleiben und weiterhin News zu konsumieren. Nicht nur, weil das zu meinem Job gehört, sondern auch, weil ich so sichergehen kann, dass ich die Weltlage möglichst gut überblicke und meine Ansichten gegenüber mir selbst und anderen begründen kann.
Ich finde es aber auch wichtig, sich regelmäßig nachrichtenfreie Zeiten zu schaffen – sei es nur dadurch, dass man hin und wieder das Handy weglegt. Seit einigen Monaten lese ich wieder häufiger, vor allem Romane. Das ist für mich eine Möglichkeit, die Politik vorübergehend hinter mir zu lassen und in eine andere Welt einzutauchen. Man sollte sich allerdings vor Augen führen, dass es ein Privileg ist, Nachrichten aktiv zu vermeiden. Für Menschen, die etwa Familie in einem Kriegsgebiet haben, ist das nicht so einfach.
Schachbrett: Eine Partie gegen die Schlagzeilen
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