Die Glückskatze

Beim Blick auf die Weltlage könnte man bisweilen auf die Idee kommen, ohne uns Menschen wäre es um die Erde vielleicht besser bestellt. Diese These ist die Prämisse des lettischen Animationsfilms »Flow«, der am letzten Wochenende einen Oscar gewann und nun in den deutschen Kinos läuft. Er heftet sich an die Pfoten einer jungen Katze, die sich durch die Überreste menschlicher Zivilisation bewegt und Freunde finden muss, um zu überleben – so etwa einen Golden Retriever, einen Lemur oder einen Sekretär-Vogel.

Elegant stromert die namenlose Heldin in den ersten Minuten des Films durch einen verwilderten Garten, in dem Nachbildungen von Katzen noch davon zeugen, dass hier jemand gelebt hat, der diese Tiere sehr liebte. Doch diese Person ist nicht mehr da. Die Heldin klettert durch ein Fenster in ein Haus und legt sich in ein leeres Bett. Es ist nahezu unmöglich, von diesen Bildern nicht verzaubert zu sein. So präzise und gleichzeitig herzerwärmend hat ein Film das Verhalten einer Katze selten nachempfunden.

Bald darauf setzt eine gewaltige Flut das Land unter Wasser. Die kleine Katze wird von ihr erfasst und muss darum kämpfen, nicht zu ertrinken. Auch andere Tiere versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Irgendwann schafft es die Katze auf ein Segelboot, das herrenlos durch die Gegend treibt – und auf dem sich verschiedene Tiere zusammenfinden und irgendwie arrangieren müssen.

Natürlich ist dieses Boot so etwas wie eine Arche. Aber es gibt in diesem Film keinen Gott und keinen Noah. Gerade deshalb funktioniert »Flow« so gut als Metapher für die menschliche Gemeinschaft, die einen Modus für ein Zusammenleben finden muss, obwohl jeder andere Wünsche und Ziele hat. Das Wasserschwein will schlafen, der Lemur sammelt interessante Gegenstände, der Sekretär muss damit klarkommen, dass er von einem Artgenossen im Kampf um die Rangordnung besiegt worden ist.

Das Schlimme im Leben sei, dass jeder seine Gründe habe. Diese Erkenntnis des französischen Filmregisseurs Jean Renoir gilt auch für Tiere, nur dass sie im Gegensatz zu uns Menschen nicht in der Lage sind, ihre Gründe zu reflektieren. Der 30-jährige Regisseur Gints Zilbalodis nimmt die Tiere in ihren Eigenarten ernst, ohne sie zu sehr zu vermenschlichen. In »Flow« wird kein Wort geredet, die Figuren geben Tierlaute von sich.

Immer wieder schafft Zilbalodis Momente, in denen er die Verschiedenartigkeit seiner Figuren deutlich macht, auf vergnügliche und berührende Weise. So findet der Lemur einen Spiegel, nimmt ihn mit sich und betrachtet sich später gebannt darin. Als Sonnenstrahlen von dem Spiegel an die Bootswand geworfen werden, jagt die Katze der Reflexion nach und versucht sie zu fangen.

Da der Film vor allem für Kinder gedacht ist, spart er die ganz harten Themen aus. Zum Beispiel: Wer frisst wen, wenn’s wirklich eng wird? Man fragt sich auch, ob es zwingend ist, dass die Tiere darum streiten, wer am Ruder des Bootes sitzt und den Kurs bestimmt. Klar, man hat schon von Katzen gehört, die Toiletten benutzen und angeblich sogar die Klospülung betätigen können. Aber Miezen mit Kapitänspatent?

Vermutlich hätte der Film auch dann funktioniert, wenn er gar nicht versucht hätte, die Tiere zu menschenähnlich wirken zu lassen. Aber natürlich wollte Zilbalodis, dass seine Botschaft ankommt. Er will uns offenbar sagen: Wir sind alle auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, vor allem im Angesicht apokalyptischer Katastrophen, die uns jederzeit heimsuchen können.

Am Ende geht die Flut genauso überraschend zurück, wie sie gekommen ist – was nicht für alle Tiere gut ist. Nach einer traurigen, bewegenden Szene mündet »Flow« in ein wunderbares Schlussbild, das die Möglichkeit einer ganz neuen Gemeinschaft aufscheinen lässt.

Wer diesen Film verpasst, lässt sich die Chance entgehen, rund 90 Minuten ziemlich glücklich zu sein.

Szene aus »Flow«: Wer bestimmt den Kurs der Notgemeinschaft?

Foto: MFA

»Flow«-Team (links: Zilbalodis} bei den Oscars am 2. März: Sie haben eine Botschaft

Foto: Mike Coppola / Getty Images