ARD und ZDF löschen Südkorea-Doku – wegen journalistischer Mängel

Schon das Bild wirkte plakativ: Im Vordergrund steht der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol an einem Podium, hinter ihm schweben die Köpfe des chinesischen Staatschefs Xi Jinping und des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un. Mit dieser Fotomontage bewarben ARD und ZDF in ihren Mediatheken eine Dokumentation: »Inside Südkorea«. Eine lineare Ausstrahlung war beim Sender Phoenix geplant.

Nun jedoch wurde der Film aus den Streamingangeboten entfernt. Grund war offenbar massive Kritik, die vor allem in der koreanischen Community laut wurde, auch Medien in der Hauptstadt Seoul  zeigten sich über die Produktion entsetzt. Mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen wandten sich mit einem offenen Brief  an die deutschen Sender. Ihr Vorwurf: Hier würden öffentlich-rechtliche Medien einer Verschwörungstheorie Raum geben, die von ultrarechten Fans des mittlerweile entmachteten Yoon Suk-yeol verbreitet wird.

Verschwörung im Untertitel

Yoon hatte angesichts eines Haushaltsstreits am 3. Dezember überraschend das Kriegsrecht verhängt und sein Land damit in die schwerste politische Krise seit Jahrzehnten gestürzt. Das Parlament nutzte daraufhin in einer dramatischen Sitzung sein Vetorecht – nach wenigen Stunden schien der Spuk wieder vorbei. Im Januar wurde der Politiker schließlich festgenommen, die Staatsanwaltschaft warf ihm in diesem Zusammenhang Amtsmissbrauch vor, sowie den Versuch, einen Aufruhr anzuzetteln.

Seitdem tobt in Südkorea eine politische Auseinandersetzung um die Deutung dieses Tages. Hatte Yoon de facto einen Putsch versucht, hatte er das Militär sogar angewiesen, bei Bedarf Waffen einzusetzen, um die Erstürmung des Parlaments zu ermöglichen? Oder war er im Gegenteil Opfer eines linken Komplotts geworden, das unter Einfluss von China und Nordkorea die Zersetzung der südkoreanischen Demokratie plante? Für letztere Erzählung gibt es keine Belege – dennoch kursiert sie vor allem bei ultrarechten YouTubern und Bloggern. Und nun auch in einer öffentlich-rechtlichen Doku, die die Verschwörung bereits im Untertitel behauptete: »Staatskrise im Schatten von China und Nordkorea«.

Tatsächlich gab die mittlerweile gelöschte Dokumentation den Schwurblern reichlich Raum. Zu Wort kamen etwa der ultrarechte YouTuber Uh Dong-gyun, der als Aktivist auf Pro-Yoon-Demonstrationen mitläuft und als Journalist vorgestellt wird, oder der evangelikale Pastor und rechtspopulistische Politiker Jeon Kwang-hoon. Zudem verbreitet in langen, hemdsärmeligen Interviewpassagen der ehemalige US-Oberst David S. Maxwell die These, dass die Opposition in Südkorea »linksextrem« sei und in Allianz mit China und Nordkorea die amerikanischen Streitkräfte aus Südkorea vertreiben wolle.

Zwar kommt die Dokumentation mit dem Gestus der Ausgewogenheit daher, gibt vor, beiden Konfliktparteien Platz zur Stellungnahme einzuräumen – um dann aber der nachrichtlichen Einordnung Verschwörungsmythen des Yoon-Lagers folgen zu lassen.

Als einsamer sachlicher Gesprächspartner wird etwa der Korea-Experte Eric J. Ballbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik eingeführt, er erklärt, dass die Gerichte Ermittlungen in Sachen »Wahlbetrug« – den das Yoon-Lager wiederholt behauptet – aus Mangel an Beweisen eingestellt hätten. Dann aber raunt eine Stimme aus dem Off: »Wahlbetrug, ein heikles Thema, das von der Opposition grundsätzlich als Verschwörungstheorie abgetan wird. Andere Stimmen weisen hingegen auf massive Sicherheitsprobleme hin.« Schließlich kommt diese Stimme zu Wort, sie gehört dem Oberst a.D., der noch raunender verkündet: »Wo Rauch ist, ist auch Feuer.« Maxwell sieht in der Entscheidung der südkoreanischen Gerichte nur eine »Kriegsführung mit juristischen Mitteln, die China vorantreibe«. Beweise bleibt er dafür schuldig. An anderer Stelle wird der südkoreanische Rechtsstaat unwidersprochen zum »Justizkartell« hochgeschwurbelt.

»Stark tendenziös und unkritisch«

So wird der deutsche Wissenschaftler im Ergebnis unfreiwillig zum Stichwortgeber für rechte Verschwörungstheoretiker – und ist damit alles andere als glücklich. Ballbach hat sich inzwischen von der Produktion distanziert. Die Stabsstelle Kommunikation der SWP teilt auf eine Anfrage des SPIEGEL mit: »Die Dokumentation ist im Ergebnis leider stark tendenziös und unkritisch, sowohl in der Auswahl der Informationen als auch einiger Interviewpartner. Aus unserer Sicht werden hier unbelegte Behauptungen gleichberechtigt neben wissenschaftlich fundierte Aussagen unseres Korea-Experten Dr. Eric J. Ballbach gestellt.«

Das haben mittlerweile auch die öffentlich-rechtlichen Sender eingesehen und die Dokumentation aus dem Netz getilgt. Auf SPIEGEL-Anfrage heißt es: »Phoenix haben kritische Zuschriften von Zuschauerinnen und Zuschauern erreicht, die die Redaktion veranlasst haben, die Dokumentation erneut zu prüfen.« Die Prüfung habe ergeben, dass der Film der Komplexität der politischen Lage in Südkorea und dem journalistischen Anspruch des Senders nicht gerecht werde. Und weiter: »Der Film sollte die bislang journalistisch weniger berichtete Perspektive der konservativen PPP um den suspendierten Staatschef Yoon beleuchten. Das leistete der Film nicht in der gebotenen Ausgewogenheit.«

Ein Klick auf den Link zur Sendung führt seitdem ins Leere, statt der 33-minütigen Dokumentation ist in der ARD-Mediathek nur noch ein Bild des Sandmännchens zu sehen: »Oje. Es ist ein Fehler aufgetreten.«

Präsident Yoon: Unwidersprochen zum »Justizkartell« hochgeschwurbelt

Foto: Jeon Heon-Kyun / AFP