Eine Halbgöttin in Pans Labyrinth

Album der Woche:

Es ist immer super, wenn Künstler einen in den Maschinenraum ihres Schaffens blicken lassen. Die US-amerikanische Avantgarde-Popmusikerin Haley Fohr, die unter den Pseudonymen Jackie Lynn und Circuit des Yeux veröffentlicht, hat dem Onlinemagazin »Beats Per Minute« kürzlich eine Playlist mit Inspirationen für ihr neues Album »Halo on the Inside« zusammengestellt . Darauf findet sich Erwartbares wie Avantgarde-Patin Laurie Anderson, Fohrs New Yorker Experimental-Konkurrentin Eartheater oder die zurzeit allgegenwärtige Pop-Muse Charli XCX mit ihrem Hit »Von Dutch« . Überraschenderweise aber auch die italienische Techno-Ikone Donato Dozzy und ein fast vergessenes Groovemonster wie »Nipple to the Bottle«  von Grace Jones aus dem Jahr 1982.

Ebenfalls auf der Liste finden sich Einflüsse, die man als mittelalter Popkritiker sofort herauszuhören meinte, aber eher nicht auf einem Album von Circuit des Yeux vermutet hätte: »Head Like a Hole«  von Industrial-Berserker Nine Inch Nails, das ewig lakonische »Life’s What You Make It« von Talk Talk und, noch mehr Achtzigerjahre: »Never Let Me Down Again« von Depeche Mode aus der metallisch-melodischen »Music for the Masses«-Phase.

Was hier klingt wie eine rotweinselige, langsam in Nostalgie abdriftende Nacht mit dem Streamingdienst des Vertrauens oder der eklektizistisch sortierten Plattensammlung, beschäftigte Haley Fohr ganze acht Monate, die meiste Zeit allein in ihrem Kellerstudio in Chicago. Kurios: Während andere Künstlerinnen und Künstler ihre Eremitage-Alben während der Coronapandemie aufnahmen, brachte Fohr mitten im ersten Lockdown samt Orchester und wagnerianischer Wucht ihr bis dahin mächtigstes und opulentestes Werk »-io« heraus.

Jetzt, da die Coronazeit nur noch wie ein unheimlicher Schatten wirkt, kehrt sie mit ihrem düstersten und introvertiertesten Album zurück. »Ich fand eine sehr überraschende, kleine Stimme in mir, und sie verbarg sich tief, tief hinter meinem Herzen«, sagte Fohr zum Erscheinen von »Halo on the Inside«.

Die Stimme, mit der Fohr nun ihre Erkenntnisse aus der Selbsterforschung im Studiokeller vorträgt, ist, man ahnt es, alles andere als klein. Sondern so ehrfurchtgebietend und deklamatorisch tief, so sirenenhaft hell wie eh und je. Und anders als bei ihren früheren Elektro-Folk-Experimenten oder der Kammerpop-Operette »-io« kann man zu den düster funkelnden Hymnen auf »Halo on the Inside« sogar tanzen. Zumindest, wenn man auf dystopisch scheppernde Gothic-Industrial-Grooves steht. »I can make a radio break«, repetiert Fohr in »Canopy of Eden« selbstbewusst. Wenn man den höllischen Tanzsound dazu nur laut genug macht, wird man es in den Lautsprechern respektvoll knacken hören.

Der »Halo«, den Fohr in Form ihrer »kleinen« Stimme in ihrem Inneren gefunden hat, ist natürlich der göttliche Funke ihrer Kunst. Bei einer Exkursion nach Griechenland entdeckte sie angeblich ihr Faible für den mythischen Halbgott Pan, mit dessen Faunhörnern sie nun auch auf dem Cover des Albums posiert. Zu hören sind allerdings keine Panflötentöne, klanglich passt stattdessen Guillermo del Toros fantasmagorisches Kino-Märchen »Pans Labyrinth« ganz gut: Auch »Halo on the Inside« ist ein über weite Strecken düsteres und schroffes, immer wieder von infernalischen Eruptionen (»Anthem of Me«) und Oasen der Schönheit (»Skeleton Key«) durchbrochenes Konstrukt.

Wie im Film scheint es auch bei Fohr darum zu gehen, sich in den Wirren politisch finsterer Zeiten an Hoffnungsschimmer und die Suche nach Wahrheit zu klammern, so wie im ersten Stück »Megaloner«, das keine schroffe, selbstquälerische Ode an weibliche Incels ist, sondern eben genau das Gegenteil, ein Plädoyer dafür, die alten Muster aufzubrechen, der Romantik doch noch eine Chance zu geben.

»Truth is just imagination of the mind«, heißt es im ekstatischen Schamanenritual »Truth«. Andererseits kann diese Imaginationskraft eben auch Berge versetzen, wie im zentralen, souverän entspannten »Cathexis« angedeutet wird. Kathexie bezeichnet in der Psychoanalyse die Konzentration psychischer Energie, die so stark ist, dass sie womöglich kinetische Kräfte freisetzt. Vielleicht alles ein bisschen arg esoterisch. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass man sich gegen Haley Fohrs wunder- und wandelbare Superkräfte mal wieder nur sehr schwer wehren kann. (8.3/10)

Kurz abgehört:

Jennie – »Ruby«

Gutes oder schlechtes Timing? Nur eine Woche nach ihrer Bandkollegin Lisa brachte auch die Blackpink-Rapperin und -Sängerin Jennie ihr erstes Soloalbum heraus – am selben Tag, an dem auch das neue Album von Lady Gaga erschien . Trotz solcher Konkurrenz dürfte es auch »Ruby« locker in die Top Ten der US-Albumcharts schaffen. Die jetzt zu eigenständigen Popstars avancierenden Girlgroup-Sängerinnen aus Südkorea sind längst globale Entertainment-Schwergewichte, die das westliche Pop-Publikum scheinbar mühelos erobern. Leider tun sie das bisher mit musikalischer Konfektionsware, die so perfektionistisch und professionell auf jede Massengeschmacksfacette kalibriert ist, dass dabei Seele und Originalität auf der Strecke bleiben.

Daran krankt auch »Ruby«, das immerhin mehr Charakter zu bieten hat als Lisas »Alter Ego«. Im atemlosen, fast schon mutigen Track »Like Jennie« reflektiert die 29-Jährige ihre Getriebenheit als Popstar, an dem alle zerren. Wie Lisa hat auch Jennie prominente Pop-Gäste im Feature-Repertoire, darunter die neue Rap-Prinzessin Doechii, die Pop-Intellektuelle Dua Lipa, Latin-Star Kali Uchis und Tausendsassa Childish Gambino. Dennoch bleibt man eher bei den Tracks hängen, in denen Jennie ihre Gesangsfähigkeiten möglichst ungestört und ungefiltert erprobt. In der sehnsüchtigen Schlussballade »Twin« zum Beispiel, an der die deutsch-amerikanische Songwriterin Bibi Bourelly mitgeschrieben hat, kommt beinahe so etwas wie Gefühl auf: die tief seufzende, sehr berührende Melancholie einer Künstlerin, für die eine Musikkarriere ein Leistungssport ist. Das ist in diesem Genre der Pop-Generika schon viel. (6.0/10)

Chris Imler – »The Internet Will Break My Heart«

Das Internet bricht uns mit seinem randomisierten Irrsinn und seiner algorithmischen Dating-Kälte nicht nur das Herz, wie Chris Imler auf seinem neuen Album nervös und nägelkauend konstatiert, es bringt uns auch alle langsam um den Verstand. Konsequenterweise hört sich Imlers neues Solo-Werk nach dem vergleichsweise verspielten »Operation Schönheit« so unkomfortabel numb an, als wäre es nach einer ausgedehnten Brainrot-Session entstanden – monotoner Vortrag und klapperdürr vor sich hin ratterndes und klimperndes Geräuschgeläut inklusive. Da werden Glory Holes zu Einschusslöchern (»Me Porn, You Porn«), Pat Benatars »Love Is a Battlefield«  geistert ebenso bleich und ausgezehrt durch den Cyberspace, das »Lazarett der Einsamkeit«, wie »Ghost Rider« von Suicide.

Aber auch außerhalb des Internets wird die Welt nicht bunter. »Das Kapital flieht, die Zugvögel ziehen«, murmelt Imler mit hohler Stimme in »Agoraphobie«, die windigen, unangenehm zwischen die Knochen sausenden Sounds, die er in dem Track zusammen mit seiner französischen Kollegin Naomie Klaus entwirft, lassen einen noch an der Türschwelle beim Schritt nach draußen erstarren. Also drinnen weiter Geisterbahndisco – mit dem charmantesten DJ und Zeremonienmeister, den der deutsche Avantgarde-Elektropop zu bieten hat. In Berlin ist Imler, 66, ein allseits gefragter, stets freundlicher und in hervorragend sitzende Anzüge gekleideter Dandy-Drummer, der unter anderem für Die Türen trommelt (gern auch im Stehen). International lobte gerade erst der britische »Guardian« Imlers eigene Musik als »so verführerisch und verwirrend wie ein nächtliches Internet-Rabbit-Hole« . Es ist immer noch höchste Zeit, seinen immer hintersinnig-humorigen Science-Fiction-Krautrock auch hierzulande endlich mehr wertzuschätzen. Sein bisher bestes Album wäre ein guter Anlass. (8.0/10)

Edwyn Collins – »Nation Shall Speak Unto Nation«

Das Allerschönste an diesem wunderschönen Album voller Instant-Pophits ist, dass einem Songs wie »Knowledge«, »Paper Planes« oder der Doo-Wop von »The Heart Is a Foolish Little Thing« vermutlich auch dann das Herz brechen, wenn man die Geschichte von Edwyn Collins nicht kennt.

Der Schotte, der heute zusammen mit seiner Frau und musikalischen Partnerin Grace Maxwell in Helmsdale an der etwas milderen Nordseeküste der Highlands lebt, wurde in den frühen Achtzigern mit Orange Juice und Hits wie »Rip It Up«  als Teil der Postpunk-Bewegung bekannt, obwohl Collins eigentlich immer klassische Power-Pop-Hymnen mit viel Soul-Einschlag schrieb. 1985, vor genau 40 Jahren, löste er die Band, bis heute von vielen Fans verehrt, auf. In den Neunzigern, mitten im Britpop-Hype, hatte der Solokünstler Collins seinen größten Erfolg mit der Single »A Girl Like You« , einem modernen Indiedisco-Klassiker.

2005 erlitt der Songwriter zwei heftige Schlaganfälle, die sein Sprachzentrum lähmten und seine Karriere zu beenden drohten. Doch Collins kämpfte sich ins Leben und Singen zurück, einfühlsam dokumentiert in dem Film »The Possibilities Are Endless« von 2014. Seit 2007 veröffentlicht er wieder regelmäßig Alben, doch »Nation Shall Speak Unto Nation«, im Titel einer Aufschrift alter BBC-Weltempfängerradios entliehen, ist das bisher beste seiner Spätphase. Mit feiner, melancholischer Handschrift bet er in »Knowledge« die Akzeptanz seiner neuen, rekonvaleszenten Existenz, um dann später, im zupackenden, kräftig herausorgelnden Northern Soul von »Sound As A Pound«, mit fester, klarer Stimme zu trällern: »I feel so fine, I feel so easy/ The pain subsides, the sadness leaves me«. Wer dabei, zumal in dieser dunklen Zeit, keine Träne des Glücks zerdrückt, hat dieses große, mit kleinen Melodien zart die Welt umarmende Pop-Album nicht verdient. (9.0/10)

Musikerin Fohr: Ein Plädoyer, die alten Muster aufzubrechen

Foto: Dana Trippe